Wahl in UngarnEin neuer „Wind of Change“?

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Allgemeine Ausgelassenheit: Auf der Wahlparty von Péter Magyar wurde viel getanzt, auch zum Soundtrack von „Die Tribute von Panem“.
Allgemeine Ausgelassenheit: Auf der Wahlparty von Péter Magyar wurde viel getanzt, auch zum Soundtrack von „Die Tribute von Panem“. Marton Monus/REUTERS

Ungarische Politiker tanzen vor Freude über Magyars Wahlsieg – zum Soundtrack von „Die Tribute von Panem“. Über den Sound einer Revolution und die Parallelen zwischen Fiktion und Realität.

Von Marie Gundlach

Es sind Bilder, die stellvertretend stehen für die Freude, die Euphorie und Energie, die nach der Abwahl von Viktor Orbán Ungarn und ganz besonders Budapest beherrschen. Tisza-Parteimitglied Zsolt Hegedűs tanzt ausgelassen auf der Bühne, seine Parteikollegen klatschen, wippen, hüpfen mit. Das sind echt flotte Moves, die der Mann draufhat – als wohl zukünftiger Gesundheitsminister Ungarns kann es auch nicht schaden, zu jeder Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig genügend Bewegung ist.

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Aber neben der fesselnden Performance fällt da noch etwas auf: Den Song, zu dem Hegedűs seine Beine verknotet, kennt man doch! Ja, aus der dystopischen Jugendbuchreihe „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins und ihrer Verfilmung.

In Panem wie in Ungarn sind die Menschen getrieben vom Wunsch nach Veränderung

Im Land Panem leben die Menschen in Distrikte unterteilt. Im Kapitol residieren die Reichen in Saus und Braus, in den Distrikten eins bis zwölf dagegen herrscht Armut, strenge Gesetze werden mit Waffengewalt aus dem Kapitol durchgesetzt. Das wohl brutalste: Jedes Jahr schicken alle Distrikte je einen Jungen und ein Mädchen in eine Arena, wo die 24 Kinder sich auf den Tod bekämpfen müssen. Das soll abschrecken und Aufstände verhindern. Doch als Katniss Everdeen aus Distrikt 12 das System überlistet, passiert das Gegenteil: Sie wird zur Galionsfigur einer Revolution. Und ein Song, den sie singt, zu deren Hymne.

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Es ist dieses Lied, „The Hanging Tree“, zu dem in Ungarn nun ausgelassen getanzt wird. Natürlich nicht in der emotionalen Variante aus dem Film, sondern ein Remix: „Midnight (The Hanging Tree)“ von HOSH, MK1979 und Jalja. Die Lyrics sind leicht abgeändert, ein wenig massentauglicher, aber der Song ist dennoch eindeutig erkennbar. „Are you, are you / Coming here with me? / To run by my side / So we can be free?“, fragt die Sängerin.

Was 1990 „Wind of Change“ war, könnte 2026 dieser Song sein. Aus der Fiktion in die Realität. Die Parallelen sind zumindest nicht von der Hand zu weisen.

In Panem wie in Ungarn sind die Menschen getrieben vom Wunsch nach Veränderung. Eine Zweidrittelmehrheit wäre wahrscheinlich auch in Panem möglich gewesen, hätte es in diesem System Wahlen gegeben. Und in beiden Systemen wird viel über die Macht der Medien entschieden: „The Hanging Tree“ erreicht die entlegenen Distrikte überhaupt nur, weil sich Katniss und ihr Team in den Staatsfunk hacken und das regierungstreue Programm mit ihrem Musikclip unterbrechen. Auch Orbán hat viel versucht, um unabhängige Berichterstattung in Ungarn einzuschränken.

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Wie sehr die neue Regierung Ungarn verändert, das wird sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Dass Orbán-Nachfolger Péter Magyar seinem Vorgänger in einigen Positionen gar nicht so unähnlich ist, könnte noch zu Ernüchterung führen. Auch in Panem wird der gestürzte Präsident durch eine Frau ersetzt, die eigentlich Veränderung wollte – und dann seine Schreckensherrschaft unter anderer Flagge fortsetzt. Doch Katniss hat aus ihren Fehlern gelernt. Sie macht kurzen Prozess. Und dann ist der Weg frei für echte Veränderung. Das wünscht man auch den Ungarn, hoffentlich friedlich.

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